… über einen Namen gestolpert

(Autographen-Fund im Buch „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges von Jaroslav Hasek, 1926, Synek Verlag, Prag)

Im Mai 1933 wurden auf dem Marktplatz in Neubrandenburg viele Bücher verbrannt, geschrieben von klugen und großen Menschen. Doch irgendwelche anderen Menschen haben entschieden, dass diese nicht richtig seien und somit aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht werden sollten. Mit Feuer.

Zum Gedenken an die Opfer dieses zerstörerischen Akts wurde diese Ausstellung geplant. Mit einigen Exemplaren der Ausgaben, die damals den Flammen zu Asche wurden. Wir bestellten also Bücher von Kurt Tucholsky, Helen Keller und vielen anderen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Auch dabei: „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges“ von Jaroslav Hasek. Die zweite Auflage aus dem Jahr 1926.

Nachdem die Bücher bei uns ankamen, ging es daran, sie in den Katalog einzuarbeiten. Dabei schaut man sich das Buch etwas genauer an. Und in dem kleinen gelb-schwarzen Buch von Jaroslav Hasek, das auf eine belustigende Art und Weise von einem Soldaten erzählt, ist mir auf der Vortitelseite etwas aufgefallen. Dort stand auf einer Art Aufkleber ein Name, Hella Cohn, darunter stand, fast nicht mehr lesbar, Berlin-Charlottenburg. Dieser Aufkleber war zur Hälfte abgerissen und dadurch konnte man noch eine Handschrift sehen. Mit Füller schrieb dort vor vielen Jahren jemand seinen Namen und Anschrift: Adolf Cohn, Charlottenburg, Kantstraße 124.

In Berlin gibt es zahlreiche Stolpersteine mit dem Namen Cohn. Auf der Webseite der Koordinierungsstelle Stolpersteine in Berlin konnte ich dann tatsächlich einen Stolperstein eines Mannes mit dem Namen Adolf Cohn finden. Ich schreib zu der Koordinierungsstelle, erzählte von meinem Fund und fragte, ob es sich hier um denselben Menschen handelt.

Ich erhielt sehr schnell eine Antwort, die diese Frage zwar verneinte, jedoch konnte mir der Mitarbeiter sagen, was mit dem Adolf Cohn aus dem Buch, das zu dem Zeitpunkt vor mir lag, passierte. Er wurde im Februar 1943 nach Auschwitz gebracht und dort ermordet. Genau das geschah auch mit Hella Hedwig Cohn – sie ist die Hella Cohn von dem Aufkleber in dem Buch. Es ist ziemlich sicher, dass sie die Frau von Adolf Cohn war und dass sie zwei Kinder hatten: Ilse und Annelise. Auch sie wurden mit ihren Eltern nach Auschwitz gefahren und getötet.

Ich habe die Liste dieses Transportes, Nr. 28 vom 3. Februar 1943 gefunden. In dieser stehen alle Namen derjenigen, die mitfahren mussten. 952 Namen mit Geburtsort, Geburtstag und letzter Adresse stehen auf dieser Liste. Hinter allen wurde mit einem Bleistift ein Häkchen gesetzt. Seltsamerweise stand Ilse Cohn nicht mit den anderen aus ihrer Familie zusammen auf der Liste, sondern an einer ganz anderen Stelle. Und so stach mir direkt über ihren Namen ein Name mit dem Geburtsort Neubrandenburg ins Auge: der Name war Hildegard Salomon. Darüber stand Alfred Salomon, geboren in Ribnitz. Sie waren verheiratet und lebten einige Zeit in Neubrandenburg, bis sie nach Berlin-Wilmersdorf gingen und von dort aus im Februar 1943 nach Auschwitz gebracht und getötet wurden.

2020 wurden ein paar Schritte weiter von hier zwei Stolpersteine verlegt mit den Namen Alfred Ludwig Salomon und Hildegard Fanni Salomon. Das sind genau die beiden, die mit Ilse, Annelise, Hella Hedwig und Adolf Cohn zusammen nach Auschwitz gebracht und am 4. Februar 1943 ermordet wurden.

Auch solche Geschichten können Bücher erzählen, man muss nur etwas aufmerksam sein.

                                                                   Lisa Maria Witte (Auszubildende in der Regionalbibliothek)