„Eine Flaschenpost aus dem KZ Ravensbrück – und wir“ : ein außergewöhnlicher Projekttag in der Regionalbibliothek

„Schüler erkunden Flaschenpost aus dunkler Vergangenheit. Weit entfernt und lange her scheinen die Ereignisse, von denen ein Fund aus einem Waldgebiet nahe Neubrandenburg zeugt. Was er in ihnen auslöst, wollen junge Leute aus Deutschland und Polen in einer Ausstellung zeigen…“ , so beginnt am 23. 01.2016 ein Nordkurier-Bericht über einen Projekttag und ein außergewöhnliches polnisch-deutsches Jugendprojekt in der Regionalbibliothek. „‘Uns war vorher nicht bewusst, dass es so viel mit Neubrandenburg zu tun hat‘, bekennt Julius Richert. ‚Jetzt scheint diese Geschichte allgegenwärtig.“

Es geht um eine „historische Flaschenpost“, die 1975 im Lindetal bei Neubrandenburg-Fünfeichen entdeckt wurde und heute im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau bewahrt wird: Ein Glas, vergraben im Wald, sorgfältig verschlossen, gefüllt mit 14 Briefen aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, mit Namenslisten zu Erschießungen und Zwangsoperationen, mit kleinen Kunstwerken und mit 37 Gedichten in polnischer Sprache. Sie erzählt eine berührende Geschichte: Junge Polinnen schmuggelten 1942/43 geheime Botschaften aus dem KZ Ravensbrück zu einer Widerstandsgruppe polnischer Kriegsgefangener im Kriegsgefangenenlager Stalag II A Neubrandenburg-Fünfeichen. Unter Todesgefahr wollten sie bezeugen, was im KZ geschah – „damit die Welt es erfährt…

IMG_4460 Im gemeinsamen Jugendprojekt der öffentlichen Bibliotheken von Koszalin und Neubrandenburg entdecken nun junge Neubrandenburger und Koszaliner das „Verstehens- und Dialogangebot“ (I. von der Lühe) dieser Zeugnisse. Gemeinsam denken sie darüber nach, was diese „Flaschenpost aus dem KZ Ravensbrück“ heute jungen Leuten zu sagen hat. Die Stiftung Erinnerung Verantwortung und Zukunft fördert das diese Auseinandersetzung zum Thema „Diskriminierung: Augen auf – Damals und heute!“ in ihrem Förderfeld EUROPEANS FOR PEACE und das Deutsch-Polnische Jugendwerk unterstützt die Jugendbegegnungen. Gemeinsam erkundeten die 26 Schüler im Oktober 2015 die „historischen Orte“ in der Gedenkstätte Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, in der Gedenkstätte Lager Neubrandenburg-Fünfeichen, gingen auf Spurensuche in Stadt, Regionalmuseum und Stadtarchiv Neubrandenburg und lernten die engagierte Übersetzerin der Dokumente Inge Gerlinghoff kennen. Sie erfuhren, was aus den „Flaschenpost-Dokumenten“ zu lernen ist über Diskriminierung und Verfolgung im Nationalsozialismus, erprobten kreative Formen des Erinnerns und der Sensibilisierung für Fragen der Menschenwürde und Menschenrechte. Im März 2016 gibt es ein Wiedersehen in Koszalin und es geht um Bezüge zu heutigen Formen von Diskriminierung, zur eigenen Lebenswelt. In der Zwischenzeit wird in Neubrandenburg und in Koszalin darüber nachgedacht, wie man gemeinsam helfen könnte, die Geschichte und den Appell der „Neubrandenburger Flaschenpost aus dem KZ“ weiter zu geben… Der Projekttag in der Regionalbibliothek dauerte viel länger als geplant, war intensiver als gedacht – und hat gezeigt: es gibt viele Ideen – und noch sehr viel zu tun!

 

 

 

  • Hier sind Gedanken zum „Verstehens- und Dialogangebot“ dieser Zeugnisse nachzulesen, die Prof. Irmela von der Lühe in ihrer Laudatio zum Annalise-Wagner-Preis formulierte